Foto: Adobe Stock #337082070 Kristin Gründler

Kinder, die in der Eingewöhnungszeit am wenigsten weinen, benötigen unsere größte Fürsorge.

Klingt paradox, ist es aber keinesfalls.

Unsere evolutionsbiologisch begründete, gesellschaftliche Wahrnehmung von Babys und Kleinkindern lässt uns jedoch denken, das Gegenteil sei der Fall.
Babys, Kleinkinder, Kinder, die weinen, sind in Not. Ist diese Not gestillt, weinen sie nicht mehr. Das klingt pragmatisch einfach und unser Gehirn hat dies genauso abgespeichert: „Ein stilles Kind ist ein zufriedenes Kind.“ Für die Steinzeit war dies sicherlich auch nicht falsch.
Vielleicht kennst du das ja selbst: Irgendwo in der Umgebung fängt ein sehr kleines Kind an zu weinen und kann oder lässt sich nicht beruhigen. Du jedoch bekommst Schweißausbrüche, obwohl es nicht einmal dein Kind ist. Dein Gehirn sagt dir unbewusst: Da ist ein Kind in Not, du musst ihm helfen. Schon verrückt, dieses menschliche System.

Kinder weinen nur bei Unwohlsein und Stress?

Auswertungen des Cortisol-Spiegels zeigen, dass Kinder in höchstem Stress und emotionaler Unruhe sein können, obwohl sie nicht weinen! Eben wie Kinder, die nicht in Stress und Unruhe sind.

Wie kommt das?

Das Gehirn des Kindes funktioniert hier in einem Notfallmodus, wenn Bindungsversuche zuvor fehlschlagen (weinen, um Nähe zu erreichen, gestillt zu werden, pflege zu erhalten, sich sicher zu fühlen, …). Evolutionsbiologisch mehr als sinnvoll. Das Kind weiß instinktiv, dass es der „Gefahr“ nur entkommen kann, wenn es sich ruhig verhält. In der Steinzeit konnte man schon mal von einem Säbelzahntiger gefressen werden, wenn man einen Laut von sich gab. Der angeborene Notfallmodus ist also eine Schutzfunktion und Überlebenschance. Wir nennen dieses Verhalten – enormen Stress und Unruhe ohne Weinen/Äußerung und körperlicher Bewegung – auch „erstarren“ oder „einfrieren“, bzw. einschlafen. Und ja, tatsächlich schlafen nicht wenige Babys und Kleinkinder bei Überlastung ihres Nervensystems ein. Daher auch die „nette“ Aussage der Oma oder Tante: „Siehst Du, jetzt hat es sich müde geschrien.“ Nur, die Oma weiß es nicht besser – wir heute schon.
Nein, das Kind hat sich nicht müde geschrien, sondern niemand hat auf die Not des Kindes adäquat und prompt reagiert!

Verhalten sich ältere Kleinkinder anders?

In der Krippen-Eingewöhnung verhält es sich ebenso und bei älteren Kindern von 3/4 Jahren ist es sehr ähnlich.

Das Kind, dass beim ersten Trennungsversuch vor dem 4. Tag der Eingewöhnung, sich scheinbar problemlos von der Mutter löst, einen Rückzugsort sucht und still „vor sich hin spielt“, braucht also gerade unsere Fürsorge und Aufmerksamkeit.
Über diese Kinder sagen allerdings Fachkräfte nach dem ersten Kita-Tag häufig stolz und freudig zu den Eltern: „Es war überhaupt kein Problem, das hat es ganz super gemacht.“
Jedoch: Kinder, die nicht weinen, die ihren Unmut nicht zum Ausdruck bringen können, sich scheinbar schnell zurechtfinden, fallen auch aus der Wahrnehmung heraus und drohen im Gruppengeschehen zu “verschwinden”. Wir sehen sie nicht und auch nicht ihre Bedürfnisse!

Absolut kein Kleinkind findet sich in einer fremden Umgebung mit fremden Bezugspersonen und fremden Kindern einfach so zurecht!

Das ist ein Trugschluss, der sich immer noch sehr hartnäckig hält – leider auch unter Fachkräften.

Die Folge ist ein fortwährend erhöhter Cortisolspiegel, also Stress, was sich u. a. an der Krankheitshäufigkeit bemerkbar macht, oder aber auch Müdigkeit (das Kind braucht auch z. B. mit 3 oder 4 Jahren noch langen Mittagsschlaf): Kinder, bei denen die Eingewöhnung nicht stattfand oder problematisch verlief, sind in den ersten 6 Monaten der Kindergartenzeit 4 mal häufiger krank als Kinder mit gelungener Eingewöhnung. Und: Kinder, die unter Stress (auch Angst) leiden, können ihr Potenzial nicht umfänglich nutzen, denn der Präfrontale Cortex wird stets von den Hormonen des Sympathikus, also einem Teil des vegetativen Nervensystems, beeinträchtigt. Das kindliche Gehirn ist also mehr damit beschäftigt sich ständig zu beruhigen, als dass es seine Umwelt kennenlernen und sich damit auseinandersetzen kann. Die Bindungsperson, der “sichere Hafen”, bei der sich das Kind bei Aufregung wieder beruhigen kann, um sich wieder mit Neugier der Welt zuzuwenden, fehlt. Durchaus kann die Kindergruppe als Bindungsperson fungieren und Sicherheit bieten. Jedoch braucht auch das seine Zeit.

Soviel in aller Kürze.

Die Bindungsforschung sagt eindeutig: Exploration, also die Aneignung und Auseinandersetzung mit der Welt, geht mit Bindung einher. Das heißt ganz einfach: Bindung vor Exploration. Bindung vor Bildung.

Diese wichtige Bindung erreichen wir durch adäquate Fürsorge und Aufmerksamkeit in vertrauensvoller Zusammenarbeit: Eltern – Kind – Fachkräfte.

Die Bindungssignale des Kindes müssen wahrgenommen und richtig verstanden, zuverlässig, adäquat und prompt darauf reagiert werden. Dann klappt es auch mit der guten Kindergartenzeit.

 

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